— NSU-Prozess: Beate Zschäpes dünnes Süppchen

Der Waiblinger Anwalt Jens Rabe mit seiner Mandantin Semiya Simsek, Tochter des im Jahr 2000 ermordeten Enver Simsek.

 

Waiblingen/München. Dieses dünne Süppchen, zusammengerührt aus pauschalem Abstreiten und gefühliger Effekthascherei, ist die Aufregung nicht wert, die da im Vorfeld köchelte. Der Waiblinger Anwalt Jens Rabe, Nebenklagevertreter der Familie Simsek, ordnet Beate Zschäpes Aussage im Münchner NSU-Prozess ein.

 

Ich war’s nicht, es waren die andern – Herr Rabe, so etwa lässt sich Beate Zschäpes gestern via Anwalt verlesene Einlassung zusammenfassen. Sie ist da bloß reingeraten aus Liebe, eigentlich wusste sie von nichts – und das, wo sie fast vierzehn Jahre lang, von Februar 1998 bis November 2011, mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund lebte. Was halten Sie davon?

 

Ich hatte mir vorher überlegt: Was wird da kommen? Eine echte Lebensbeichte? Oder eine fundiert bestreitende Einlassung? Es war weder das eine noch das andere, sondern handwerklich ziemlich schlecht gemacht. „Ich war weder an der Vorbereitung noch an der Tatdurchführung beteiligt“, „ich wusste nichts“, „ich weise die Vorwürfe von mir“ – lauter Floskeln.

 

Kann ihr das helfen?

 

Nein. Sie hat nichts Habhaftes gegen das Mosaik der Anklage gesetzt. Einfach nur gebetsmühlenartig zu sagen, ich weise das zurück, hat im Strafprozess einen juristischen Nullwert. Und letztlich hat sie bei allem Abstreiten doch Indizien geliefert, die als Bausteine ihrer Verurteilung dienen werden: Sie gibt zu, von den Banküberfällen gewusst zu haben. Gibt zu, von den Waffen gewusst zu haben. Gibt zu, von den Morden gewusst zu haben, mindestens nachträglich, auch wenn sie diese Taten angeblich nicht gutgeheißen haben will. Sie hat ihre letzte Wohnung in die Luft gesprengt, um Spuren zu verwischen. Sie verteilte Bekenner-CDs, oder besser: Propaganda-CDs. Es gab hunderte von Exit-Möglichkeiten, und sie hat keine genutzt.

 

Wie hat sie sich rauszureden versucht, warum sie nie ausgestiegen ist?

 

Sie hat versucht, sich als die Zerrissene zu inszenieren, zerrissen zwischen einerseits ihrer Liebe zu Uwe Böhnhardt und andererseits dem angeblichen Entsetzen über die Taten: Sie will die Zerrissene gewesen sein, die gerne ausgestiegen wäre, aber nicht konnte, weil sie gefangen war in ihren Gefühlen, gefangen in ihrer Angst um die Uwes, die gedroht haben sollen, sich umzubringen, falls sie sich der Polizei stelle.

 

Vom ersten NSU-Mord an Enver Simsek im September 2000 in Nürnberg will sie erst danach, im Dezember, erfahren haben – worauf es zum Streit gekommen sei, weil sie die Tat verurteilt habe.

 

Und dann habe es „unschöne Weihnachten“ gegeben: Sie habe von den beiden Uwes keine Geschenke bekommen und Silvester allein feiern müssen – ich dachte: So, das rutscht jetzt also auf diese Mitleidsschiene. Und später will sie aus lauter Verzweiflung die Katzen vernachlässigt und täglich drei Flaschen Sekt getrunken haben – ach, wie bedauernswert. Rein professionell betrachtet fand ich es zu dick aufgetragen und zu leicht durchschaubar; schlecht gemacht. Das wird ihr nicht helfen.

 

Sie können das nüchtern bewerten als Jurist – aber wie wirkt solch eine selbstmitleidige Nummer, die klingt, als wäre Zschäpe nicht Täterin, sondern selber so eine Art bedauernswertes Opfer gewesen, auf Angehörige von Ermordeten?

 

Neben mir saß Kerim Simsek, der Sohn von Enver Simsek: kopfschüttelnd, die ganze Zeit, in einer Mischung aus Frustriertsein, Wütendsein, Enttäuschtsein. Aber er war nicht aufgebracht, eher fassungslos, dass da überhaupt nichts Vernünftiges kommt.

 

Sie hat sich immerhin als „moralisch“ schuldig bekannt, weil sie die Taten nicht verhindert habe, und sich – in recht dürren Worten – bei den Opferangehörigen entschuldigt. Glaubwürdig?

 

In der Tat, in dürren Worten: „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer der von Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten.“ Das ist karges Bürokratendeutsch, die denkbar magerste Entschuldigung …

 

… und wälzt en passant alle Verantwortung auf die beiden toten Terroristen ab.

 

Es ist zu offensichtlich, dass das rein taktisch motiviert war. Zumal im nächsten Satz ihr Verteidiger erklärte, dass Fragen der Nebenklage nicht beantwortet werden.

 

Was ja nichts anderes heißt als: Um die Erkenntnis-Interessen der Opfer-Angehörigen, bei denen wir uns grade eben „aufrichtig“ entschuldigt haben, kümmern wir uns einen feuchten Kehricht.

 

Dazu ein sprechendes Detail. Die Verteidigung verteilte morgens eine schriftliche Version der Einlassung zum Mitlesen: an den Senat; an die Bundesanwaltschaft; und an die Anwälte der anderen Angeklagten. Die Nebenklage bekam kein Stück Papier.

 

Zusammengefasst: Die Aussage war nicht nur von den Fakten her ausgesprochen dürftig, sondern auch emotional nicht stimmig.

 

Und auch gar nicht wirklich bemüht, emotional glaubwürdig zu sein; nicht von Reflektiertheit, was das Geschehene betrifft, getragen. Besonders augenfällig wurde das, als Zschäpe von ihrem einsamen Silvester Ende 2000 berichten ließ. Hat sie sich eigentlich jemals Gedanken darüber gemacht, was für ein Silvesterfest wohl die Familie Simsek feierte, die drei Monate zuvor den Ehemann und Vater verloren hatte?

 

Und das hat Sie nicht empört?

 

Es war eigentlich kläglich und deshalb auch nicht so ein Aufreger, dass man an die Decke geht. Es war einfach zu schwach.

 

Enver Simseks Tochter Semiya, die so etwas wie Gesicht und Stimme der Opferangehörigen wurde, 2012 beim staatlichen Gedenkakt eine bewegende Rede hielt und in einem Buch, das jetzt für die ARD verfilmt wird, ihre Geschichte erzählte – sie war gestern nicht im Saal.

 

Sie wollte nicht kommen, sie wollte dieser Aussage von vorneherein keine hohe Wichtigkeit beimessen und sich nicht zum Spielball großer Hoffnungen oder tiefer Enttäuschung machen. Sie lebt mittlerweile in der Türkei, ist glücklich verheiratet, Mutter und berufstätig, sehr eingespannt in Arbeit und Familie. Sie nimmt in der Türkei an Podiumsdiskussionen zum NSU teil, sie bleibt an dem Thema interessiert – aber sie hat ihren Weg in die Zukunft eingeschlagen.

 

Wie geht es nun weiter im Prozess?

 

Im Großen und Ganzen so, wie geplant. Der Senat wird Zschäpes Einlassungen ganz nüchtern analysieren und Widersprüche zu bisherigen Zeugenaussagen durch weitere Vernehmungen aufklären. Aber das wird den Prozessverlauf nicht wesentlich verändern. So habhaft war das nicht.

 

Und wie wird das Verfahren enden?

 

Ich bin vor Zschäpes Aussage davon ausgegangen, dass sie wegen Mittäterschaft zu lebenslanger Haft verurteilt wird, und davon gehe ich weiter aus.

 

Quelle / Das ganze Interview: www.zvw.de